Frei, flexibel, prekär.
Arbeit zwischen Selbstbestimmung und Unsicherheit

29.05.2015 ?" 30.05.2015, Frankfurt/Main

Arbeit heute hat viele Gesichter. Alles wird dynamischer, schneller, mobiler. Leiharbeit, Werkverträge, Mini-Jobs, befristete und freiberufliche Tätigkeiten stehen für eine zunehmende Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und drängen das sogenannte Normalarbeitsverhältnis in den Hintergrund. Das hat Folgen – jedoch sehr unterschiedliche! Und gerade dies macht die Brisanz der aktuellen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt aus. Erfahrungen von Kontroll- und Autonomieverlust, von mangelnder Plan- und Gestaltbarkeit des eigenen Lebens und blanke Existenzangst stehen dem Wunsch nach Flexibilität und Erfahrungen freiheitlicher Selbstverwirklichung in und durch Arbeit gegenüber. Das Prinzip der eigenverantwortlichen, flexiblen Arbeit hat dabei in vielen Branchen durchschlagenden Erfolg und wird als Autonomiegewinn, als Befreiung aus den verkrusteten Hierarchien der Erwerbsarbeit verkauft. Doch zu welchem Preis?

Die Erosion gesellschaftlicher Arbeitsstandards führt in vielen Fällen zu einer umfassenden Prekarisierung, die auch die fest Integrierten auf dem Arbeitsmarkt erfasst. Zonen sozialer Unsicherheit und individueller Verwundbarkeit dehnen sich aus, weil soziale Sicherungssysteme wegfallen und arbeitsrechtliche Vertretungen nicht mehr greifen.

Die (politische) Idee einer gemeinsamen ArbeitnehmerInnenschaft kann durch individualisierte Erwerbsbiographien und Verantwortlichkeiten immer schwerer artikuliert werden. Während die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes auf der einen Seite zu einem Niedriglohnsektor mit teils unmenschlichen Arbeitsbedingungen geführt hat, greift die entgrenzte Arbeit an anderer Stelle zunehmend auf das eigene Leben über und verwischt vielerorts die Trennung von Arbeit und Nicht-Arbeit. Prekär ist hier dann nicht allein die Arbeit, sondern zugleich das gesellschaftliche Zusammenleben, das sich von den Strukturmerkmalen prekärer Arbeit zunehmend durchdrungen sieht. Doch wie lässt sich prekäre Arbeit eigentlich kritisieren, wenn sie an vielen Stellen auf einem Ideal der Selbstverwirklichung fußt? Und wer könnte das politische Subjekt einer solchen Kritik sein? Ist Prekarisierung überhaupt der richtige Begriff für die Beschreibung so vielfältiger Phänomene oder brauchen wir eine neue Kritik der (Erwerbs-) Arbeit?

Fragen wie diese stehen im Zentrum der Tagung, die einen Fokus sowohl auf die Beschreibung, Diagnose und Deutung aktueller Beschäftigungsverhältnisse als auch auf die Frage der politischen Organisation zunehmend individualisierter Arbeitsbiographien legt.


Das Tagungsprogramm finden Sie hier.

Zur Videodokumentation

Interdisziplinäre Tagung mit:

Brigitte Aulenbacher Professorin für Soziologie an der Johannes Kepler Universität Linz

Klaus Dörre Professor für Arbeits-, Industrie-und Wirtschaftssoziologie an der Friedrich-Schiller Universität

Antje Ehmann Künstlerin und Kuratorin, Berlin

Kirsten Huckenbeck MigrAr Frankfurt/Rhein-Main, Anlaufstelle für MigrantInnen in prekären Arbeitsverhältnissen, Dozentin an der FRA-AUS

Claudia Gather Professorin für Sozialwissenschaften, Direktorin des Harriet Taylor Mill-Instituts der HWR Berlin

Helma Lutz Professorin für Frauen- und Geschlechterforschung, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/Main

Christian Krähling Amazon Bad Hersfeld, verdi Vertrauensleutesprecher

Alexandra Manske Professur für Soziologie, insbesondere Arbeit, Organisation, Innovation, Universität Hamburg

Oliver Marchart Professor für Soziologie an der Kunstakademie Düsseldorf

Nadine Sander Leuphana Universität Lüneburg

Hartmut Seifert Arbeitsmarktforscher, ehemaliger Leiter des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung

Wolfgang Strengmann-Kuhn MdB, sozialpolitischer Sprecher von Bündnis 90/ Die Grünen im Bundestag

Stephan Voswinkel Institut für sozialforschung (IFS), Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/Main

Frei, flexibel, prekär.
Arbeit zwischen Selbstbestimmung und Unsicherheit
Interdisziplinäre Tagung
Freitag, 29. Mai 2015, 19:00 Uhr
Mousonturm, Waldschmidtstraße 4, 60316 Frankfurt am Main
Kooperationspartner
Mousonturm Frankfurt